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Herrlich unbefriedigend – Ruhm | Daniel Kehlmann

Gefühlt

Du stehst neben Dir – oder schaust Du doch einem anderen Menschen zu, wie er versucht Du selbst zu sein? Identität ist Ansichtssache, der Autor die dogmatische Instanz. Seine Figuren: Ameisen unter dem Brennglas eines genialen, sadistischen Kindes. Neun wunderbar unaufgeregte Geschichten, neun Momentaufnahmen, neun bunte Glassplitter eines Kaleidoskops, die ineinandergreifen und doch kein vollständiges Bild ergeben. Aber braucht man das überhaupt?

Gelesen

Ruhm – Ein Roman in neun Geschichten von Daniel Kehlmann

Gefallen

Wer auch immer ihn aus seinem Leben verdrängt hatte, er machte es perfekt, er war der Richtige dafür, und wenn irgendjemand Tanners Dasein verdient hatte, dann der dort drüben.

Die Kugel würde durch seinen Kopf ins Fenster schlagen – als würde sie nicht bloß das Glas, sondern das Universum selbst treffen, als würden die Risse durch Meer, Berge und Himmel gehen, und da begriff er, dass dies die Wahrheit war, dass genau das geschehen würde, wenn er und kein anderer der Welt das Zeichen seiner Verachtung einbrannte, ein für allemal, wenn er nur die Kraft fand, abzudrücken.

Er wird nichts über mich schreiben […] Reality wird alles sein, was es für mich gibt: Job und Mutter daheim und Boss und die riesen Sau Lobenmeier, und als einziges Escape Foren wie hier […]. Ich hab für immer nur mich […] In einer Geschichte, das weiß ich jetzt, werde ich nie sein.

Ich faßte nach der Klinke. Auch die Gewißheit, dass nichts mehr zwischen einem selbst und der Katastrophe steht, gibt Sicherheit. […] Weshalb nicht gleich die größere Szene, die stärkere Wirkung? Wenn Hannah da draußen stand, warum nicht auch die Kinder, warum nicht dazu meine Eltern, eigens angereist […], warum nicht Lobenmeier, Hauberlan und Longrolf von der Revision, warum nicht auch Mollwitz; […] „Kommt herein“. Ich öffnete die Tür „Kommt nur alle herein!“

„Das alles passiert nicht wirklich,“ sagte sie. „Oder?“ […] „Das hier ist deine Version, das ist das, was du daraus gemacht hast.“

Tu doch endlich was, sagt sie zu mir. Verdirb deine Geschichte. […] Es würde dich nichts kosten!

Eine falsche Regung, und man fand nicht mehr zurück, und schon war das alte Dasein dahin und kam nie wieder. Oder vielleicht träumte sie nur, dass sie das tat. Dann, endlich, erlosch ihr Bewusstsein.

Gesamteindruck

Autor sein – dazu braucht es Erfindergeist, Größe und eine gewisse Grausamkeit zum Bestimmen fremder Schicksale. … Ich denke da auch an den viel (in Interviews) zitierten, berühmten Moment der Verselbstständigung, wenn Figuren ein Eigenleben entwickeln und dem Autor diktieren, wie es mit ihnen weitergehen soll.

Kehlmann beschreibt genau das: Die neun Geschichten, die eigentlich Momentaufnahmen aus neun gar nicht so unterschiedlichen Leben sind, zelebrieren das Paradox der unumstößlichen Größe des Autors und des Aufbegehrens seiner Figuren gegen ein fremdbestimmtes Leben:

  • Ein Mann erhält Anrufe auf seinem neuen Handy, die nicht für ihn bestimmt sind. Ein anderer wird verlangt. Wichtige Entscheidungen seien von ihm zu treffen, im Beruf, in der Freundschaft, in der Liebe … was soll schon passieren, diesem Fremden am Telefon die Entscheidungen abzunehmen?
  • Einem aufstrebenden Schauspieler geschieht ein Missgeschick nach dem anderen, die er sich einfach nicht erklären kann. Er möchte raus – ein anderer sein. Aber wer ist es, der seinen Platz eingenommen hat, als er beschließt zurückzukehren?
  • Eine in die Jahre gekommene Autorin springt ein für einen guten Freund und geht auf dieser Reise verloren – Ohne die Sprache zu können und mit leerem Handyakku nimmt sie das Schwinden ihrer Existenz in einem fremden Land in Kauf.
  • Der Wunsch eines Bloggers, der Realität zu entkommen, mündet in der bitteren Erkenntnis, nie Teil einer Geschichte sein zu können – aber hat er genau die nicht gerade geschrieben?
  • Eine Frau will dem Tod ein Schnippchen schlagen. Sie fordert ein alternatives Ende ihrer Lebensgeschichte.
  • Ein Selbsthilfeautor predigt die Bejahung des Lebens, obwohl er es selbst verachtet.
  • (Achtung 2 in 1, falls Ihr mitzählt) Eine Ärztin ohne Grenzen, fragt sich, ob ihre Beziehung mit einem Schriftsteller allein auf ihrer Ähnlichkeit zu einer seiner Figuren beruht – dabei wollte sie nie Teil seiner Geschichte werden.
  • Und ein selbst erschaffenes Lügenkonstrukt scheint für einen leitenden Angestellten der Beweis zu sein, dass es möglich ist, zweimal zu existieren.

 

Der Roman endet, wie er beginnt: In medias res. Man beobachtet die Figuren gerade lange genug, um sie zu mögen – oder wenn nicht das, dann wenigstens um eine gewisse Sympathie für sie zu empfinden. Man begleitet sie gerade so lange genug, um wissen zu wollen, wie es mit ihnen weitergeht. Die ersehnte Auflösung, die einer Erlösung gleich käme, bleibt jedoch aus. Gerade das macht aber den Reiz des Buches aus.

Ein herrlich unbefriedigendes Gefühl ❤

 

Gefragt

Diese Fragen werden Euch hier regelmäßig begegnen: Habt Ihr das Buch gelesen? Wollt Ihr noch? Habt Ihr Buchempfehlungen für mich? Schreibt Ihr selbst Rezensionen? Macht Lärm! Ihr wisst wo und wie das geht 😉 – Ich freu mich! ❤

 

 

3 Kommentare

      • Im Moment bin ich mit der Elfenreihe von Bernhard Hennen beschäftigt. 😀 Werde ich wohl noch eine Weile dran sitzen. Danach würde ich mich gerne mal wieder einem wissenschaftlichen Buch widmen, tendiere da zu „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking und das große Buch der Psychologie wartet auch noch auf mich. In der Rubrik „Satire“ kann ich „Alles, alles über Deutschland“ von Jan Böhmermann sehr empfehlen, wenn man seinen Humor mag. Und ansonsten bin ich auch immer auf der Suche nach guten Fantasyromanen. 🙂

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