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Mit Vollgas gegen die Wand – Der Circle | Dave Eggers

Gefühlt

Du besteigst einen Wagen, wissend, dass dieser Wagen mit Vollgas gegen eine Wand fahren wird. Bis zur Hälfte der Strecke staunst Du über die Geschwindigkeit, den Nervenkitzel. Die letzten Meter vor dem Aufprall – die letzten Seiten des Buches – machen Dir schmerzhaft klar: Das Ende war unvermeidlich.

Gelesen

Der Circle von Dave Eggers, in der deutschen Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Gefallen

Geheimnisse sind Lügen.

Teilen ist heilen.

Alles Private ist Diebstahl.

„Nichtwissen war der Ausgangspunkt für Wahsinn, Einsamkeit, Misstrauen, Furcht. Aber es gab Möglichkeiten, das alles zu beheben. Gläsernheit hatte sie für die Welt wissbar gemacht. Hatte sie besser gemacht, hatte sie, das hoffte sie zumindest, der Vollkommenheit einen Schritt näher gebracht. Jetzt würde die Welt folgen. Völlige Transparenz würde den Zugriff auf alles mit sich bringen, und es gäbe kein Nichtwissen mehr.“

„Unter dem Vorwand, jeder Stimme Gehör zu schenken, erschaffst du die Herrschaft des Mobs, eine filterlose Gesellschaft, wo Geheimnisse verbrechen sind.“

Wir müssen alle das Recht haben, zu verschwinden.

Gesamteindruck

Ob Eggers Buch wirklich der Roman unserer Epoche  oder Huxleys „Schöne neue Welt“ reloaded ist, darf u.a. mit Blick auf die anstrengende, teils fragwürdige Einstellung der weiblichen Protagonistin zu Männern – Freunden, Partnern, Vaterfiguren, Affairen – bezweifelt werden. Tatsächlich würde der Roman auch glänzend ohne die holprig erzählten Softporno-Einlagen auf Betriebstoiletten auskommen, die man glücklicherweise bei stolzen 558 Seiten an einer Hand abzählen kann. Den Charakteren und Dialogen fehlt insgesamt Tiefe, sie erscheinen vorhersehbar, klischeehaft – stereotyp. Aber vielleicht ist gerade das überlebenswichtig in der Welt, die Eggers beschreibt?

Ijoma Mangold, die das Buch für die Zeit Online rezensiert hat, spricht klar und hart von einem entworfenen

Verblendungszusammenhang, [der] so plump [ist], dass seine angeblich hochintelligenten Protagonisten in Wahrheit total naiv und ohne eigene Persönlichkeit sein müssen, um ihm auf den Leim zu gehen. Der Roman wirkt so schematisch, als hätte ein Algorithmus ihn hervorgebracht.

Den Zusammenhang sieht sie in Eggers gesamtem literarischen Schaffen:

Eggers kann keine Figuren mit innerem Reichtum schaffen, der Holzschnitt ist das Maximum, das ihm an psychologischer Einfühlung zur Hand ist.

Und das hat mir wiederum zu denken gegeben. Liegt hier nicht die Genialität des Buchs? Braucht es nicht genau für diese Weltanschauung, für die rücksichtslose Durchsetzung einer gläsernen Gesellschaft, genau das? Pappkameraden? Naive Ja-Sager, deren (Selbst-)Wahrnehmung so verzerrt ist, dass sie sich lächelnd für das Wohl der Firma – das vermeintlich große Ganze – verbrennen? Die für falsche Anerkennung jegliche Form von Zweifel, Erschöpfung und andere Warnsignale des eigenen Körpers mit einem einstudierten Lächeln bis zum Zusammenbruch niederkämpfen, um weiter dazuzugehören? Und braucht es nicht auch die offensichtlich „Bösen“? Die von Leistung getriebenen Entscheider, die für ihre Ideale über Leichen gehen und daraus gerade kein Geheimnis machen? Deren Widerlichkeit hingenommen wird, weil sie ja eigentlich „genial“ sind? Weil es genau sie für den großen Erfolg braucht?

Wenn wir also einen Schritt zurück treten, um das Gesamtbild des Romans zu betrachten, dessen schematisches Wesen genauso alglatt ist wie seine Figuren und deren Lebenswelt, ergibt es Sinn. Totalitäre Transparenz lässt einfach keinen Raum für Geheimnisse, charakterliche Tiefe oder subtile dämonische Wirkung. Jeder Versuch einer Flucht vor Überwachung wird augenblicklich im Keim erstickt.

Beeindruckend ist auch der allgegenwärtige, leicht bittere Beigeschmack, der sich bereits zu Beginn der Lektüre bemerkbar macht und der die Möglichkeit, sich auf dem Weg zu der beschriebenen Dystopie einer komplett gläsernen Gesellschaft zu befinden, real werden lässt.

Wer in Zeiten von Content Marketing, Corporate Media und Digitalisierung noch glaubt, dass Identitäten geschützt und Daten sicher sind, der sollte darüber nachdenken, dass Erfolg sich nur messen lässt, weil wir uns bereitwillig messen lassen.

Neben den Parallelen zum digitalen Nutzungsverhalten werden Insider der Branche auch teils beklemmende Parallelen in dem familiären Mitarbeiter der Figuren erkennen – den Circlern mit dauerhaft professionalisierter guter Laune, für die ihr Unternehmen zur Familie und der Campus des Circle zur neuen Heimat wird.

„Ich wollte einfach den Gemeinschaftsaspekt unserer Arbeit hier hervorheben. Wir sehen dieses Unternehmen als Gemeinschaft, und jede Person, die hier arbeitet, ist Teil der Gemeinschaft. Und damit das alles funktioniert, ist ein gewisses Maß an Partizipation erforderlich.“

Ist aber alles nicht verpflichtend … kein Stress 😉

Gefragt

Diese Fragen werden Euch hier regelmäßig begegnen: Habt Ihr das Buch gelesen? Wollt Ihr noch? Habt Ihr Buchempfehlungen für mich? Schreibt Ihr selbst Rezensionen? Lasst es mich wissen. Macht Lärm – Ihr wisst wo und wie das geht 😉 – Ich freu‘ mich! ❤

 

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